Nachdem
ich in einem Internetcafe in Tanger die Website auf den neuesten Stand
gebracht habe, schauen wir uns noch etwas im "Ville Nouvelle"
um, dem "Neuen Viertel". Beim Mittagessen bemerke ich,
dass meine Kappe fehlt. Zuletzt habe ich sie während der Arbeit
am Computer neben mir liegen gehabt. Nathalie meint, der kleine
Bub neben mir sei plötzlich ziemlich schnell aus dem Lokal
verschwunden. Direkt neben ihm habe ich sie abgelegt. Hat er etwa
... ?!? Nun ja, das ist zwar ärgerlich, aber solange nichts
schlimmeres passiert !

Ein Spaziergang am Strand bringt uns auf
andere Gedanken. ,
Am nächsten Tag, dem 27.Oktober brechen wir auf zu unserer
ersten Etappe in Marokko. Die Ausfahrt aus Tanger haben wir
gestern schon ausfindig gemacht.

Kurz vor der Abfahrt -
Hotel Continental
Schnell sind wir auf der Straße
nach Tétouan, dem geplanten Ziel für heute. Schon in der Früh
ist es ziemlich heiß. Ab jetzt haben wir beschlossen mit langer Hose
radzufahren. Beine und Schultern sollten der Tradition nach bedeckt
sein und wir wollen uns (so gut es geht) daran halten. Mit unseren
Gefährten ziehen wir jede Menge Aufmerksamkeit auf uns. Die
Autofahrer halten meist einen angemessenen Abstand zu uns ein. Es
wird gehupt und gewunken. So viel positive "Zuwendung" haben wir
bisher noch nicht erhalten. Die Vorstadt von Tanger im Süden
wirkt ziemlich heruntergekommen. Viele Jugendliche lungern am
Straßenrand herum. Gerade Nathalie wird wie immer ausgiebig
gemustert und "angequatscht".
Als wir die Stadt verlassen, frischt der Wind deutlich
auf. Bei den nun erlaubten höheren Geschwindigkeiten, werden auch
die Überholmanöver unangenehmer. Gerade LKWs entwickeln einen
ungeheuren Sog, oder Druck, wenn sie entgegenkommen, sodaß wir
sehr mit dem Ausgleichen der verschiedenen
"Luftbewegungen" sind. Der Gegenwind nimmt so an
Intensität zu, daß trotz der zuerst eher flachen Strecke, kein
gemütliches Fahren zustande kommt.

Kaum Schutz vor dem Wind
Jeder Meter will hart ertreten
sein. Gelegentlich fühlen sich kleine Buben dazu ermutigt, uns
mit ihren Rädern zu folgen. Übermotiviert kommen sie uns von der
Seite verdächtig nahe. Ein Zusammenstoßen läßt sich nur knapp
mit einem lauten "Attention !!!" verhindern.
Landschaftlich ist der Weg Richtung Süden
nicht sonderlich aufregend. Sanfthügelig geht es durch eine
steppenartige Landschaft, regelmäßig sind Häuseransammlungen am
Straßenrand zu finden. Bei einer Polizeikontrolle für Autos
gönnen wir uns eine Trinkpause. Der kleine Laden dahinter scheint
uns sicheres Terrain zu sein. Ein jugendlichen Berber hilft mir,
dem "Wirt" meinen Wunsch nach 2 Getränken verständlich
zu machen. Dieser versteht nämlich nur arabisch und damit kann
ich nur bedingt dienen ;-)
Was dann folgt, ist ein relativ harter Anstieg
auf den ersten Ausläufer des Riffgebirges. Es ist nicht unbedingt
die Steigung, die diese Fahrt so anstrengend macht. Der Wind ist
der wahre "Feind" des Radfahrers. Unaufhörlich bläst
er uns ins Gesicht, oder er versucht uns, zur Abwechslung,
seitlich vom Rad zu drücken. Wir lehnen uns förmlich dagegen.
Selbst bei der Abfahrt müssen wir bergab treten !!! Nicht einmal
hier ist uns Erholung gegönnt.

Als dann endlich Tétouan am
Horizont auftaucht, sind wir froh, dass wir es bald geschafft
haben. Da es schon um ca. 18.00 finster wird,
verstauen wir nur unsere Sachen im Hotel und ziehen gleich los
Richtung Medina. Die Altstadt von Tétouan ist ein UNESCO
Weltkulturerbe - und wirklich, die kleinen, teilweise
überdachten, verwinkelten Gänge sind beeindruckend. Die schmalen
Straßen sind übervoll mit Menschen. Reges Treiben herrscht in
den verschiedenen Souks.

Tetouan im zarten Abendrot
Hier in Nordmarokko stellt das Rifgebirge eines der größten Haschischanbaugebiete der
Welt dar. Bis zum Jahr 1999 sind Reisende ausdrücklich vor Touren ins
Rif gewarnt worden. "Do you want Haschisch ?!" und
"You want Kiff - do you smoke?!" verneinen wir
konsequent. Erschöpft vom anstrengenden Radtag, schlafen wir bald
ein.
Bezüglich der weiteren Route sind wir uns bis
zum Schluß nicht sicher gewesen. Gestern abends haben wir uns
darauf geeinigt, von hier aus zur Küste zu fahren, und dann
weiter der Küstenstraße entlang. Als wir die Räder fertig
gepackt haben, bemerken wir auch schon eine Menge dunkler Wolken
von Nordosten her aufziehen. Der Himmel verfärbt sich nach und
nach schwarz. Nach längerem Hin und Her schlagen wir den direkten
Weg nach Süden ein. Nach Chefchaouen sind es fast 64 km - doch
wie wir schon aus den Karten gelesen haben, müssen wir mit jeder
Menge Steigungen rechnen. Am Ende des Tages werden es über 1100
Hm sein !!! Parallel zu einem Gebirgszug dringen wir tiefer ins
Riff vor. Bei der Abfahrt hat es schon zu regnen begonnen. Wir
haben uns gefühlt, wie auf der Flucht, vor dem Unwetter. Die
Wolken bleiben aber zum Glück hinter der Bergkette hängen. Auf
der anderen Seite brennt nun die Sonne erbarmungslos auf uns
nieder. Der Wind kommt zwar gelegentlich von hinten, doch meistens
herrscht Windstille.

"Bikender
Berber"

Die Landschaft ist bedeutend schöner als
gestern. Die Berge ragen steil aus dem eher kargen Tal empor. Die
Straße windet sich immer weiter in Richtung eines Passes.
Als uns einen Gruppe Jugendlicher
entgegenkommt, bekommen wir wie so häufig ein leicht provokantes,
forderndes Verhalten zu spüren. "Give me Dirham" (marokkan.
Geld) oder "Donnez moi un stilo" ("Geben Sie mir
einen Kugelschreiber"). Ich fahre vorne ... als ich mich
umdrehe, steht Nathalie und hat eine unserer Colaflaschen in der
Hand. Diese hat sie dem einen Jungen gerade noch mit harten Worten
und bösem Blick abnehmen können. Die anderen Buben, die schon
weiter entfernt sind, haben ihr die zweite einen Augenblick vorher
direkt vom Anhänger gestohlen. Wir haben sie nur unter einer
Gummileine befestigt - an so etwas haben wir nicht gedacht. Wir
sind sehr verärgert. Ihnen nachzufahren ist uns aber zu
mühsam. Nach der Kappe, nun das Cola ... zwar mögen
die Gegenstände nicht von großem Wert sein, doch diese Art des
Umgangs gibt uns zu denken.

Die Fahnen und der Rauch
sprechen für sich ... kurz vor Chefchaouen
Eine rasante Abfahrt bringt uns wieder tief ins
nächste Tal hinunter. Leider, muss ich sagen, denn all die
erarbeiteten Höhenmeter müssen jetzt noch einmal erradelt werden
- Chefchaouen liegt nämlich auf knapp 600 Hm. Es stellt eine Art,
an einen Hang gebautes Bergstädtchen dar. Strahlend weiß
leuchten die Häuser in der Höhe. Immerhin haben wir das Ziel vor
Augen, als wir zum letzten und steilsten Stück antreten. Bei dem
Abzweig von der Hauptstraße stehen ca. 10 ältere Kinder mitten
auf der Straße. Als sie uns sehen kommen sie schreiend auf uns
zu. Wieder die selben Sprüche - Forderungen nach Dirham oder
Kugelschreibern. Sie versuchen den Weg zu blockieren. Wir sind
nicht mehr sehr gut drauf, ob dieser lästigen Verhaltensweisen.
Wir strampeln auf sie zu und setzen unbeirrt unseren Weg fort.
Zuerst laufen sie uns auch noch nach ... in Hinblick auf die
kommenden Steigungen machen wir uns auf unangenehme Begleiter
gefasst. (Mit unserem Gepäck können wir bergauf nicht wirklich
flüchten.) Doch sie lassen von ihrem Vorhaben, uns zu folgen, ab. Noch 5 km....
noch 3 km ... wir erreichen die Anhöhe. Den Weg in die Medina
finden wir nicht sofort. Ein Polizist hilft uns weiter. Die
schmalen Gassen in der Altstadt sind zum Glück nicht stark
bevölkert. Die Karte haben wir uns vorher bereitgelegt. In einem
Riad nehmen wir uns ein Zimmer. Diese spezielle Art von Häusern
hat einen kleinen Innenhof, um den die Zimmer in verschiedenen
Etagen angeordnet sind. Am Dach gibt es eine kleine Terrasse.
Endlich ausruhen. Vom Zimmer sind wir begeistert. Liebe zum Detail
spürt man in der Wahl der Farben und der Materialen.

Traditioneller Riad
Wir essen zu Abend. Ein ebenfalls
außergewöhnlich schön dekoriertes Lokal hat es uns angetan.
Noch ahne ich nicht, daß ich diese Mahlzeit noch tagelang in
Erinnerung behalten ... oder, besser ausgedrückt, zu spüren bekommen werde. In
der Nacht beginnt es mit Unwohlsein, dann Übelkeit,...
schließlich Fieber. Ich kann so gut wie nichts essen. Schon der
Gedanke daran dreht mir den Magen um. Nathalie kümmert sich um
mich. Ich schlafe aber fast den ganzen nächsten Tag.
Da es am
zweiten Tag in Chefchaouen dann deutlich besser geht, gehen wir in
die umliegenden Berge und das Gehen ist eine willkommene
Abwechslung. Tolle Ausblicke bieten sich uns. Wir werden von einem
Einheimischen angesprochen. Er fragt natürlich auch, ob wir Kif
wollen. Wir lehnen, wie immer, dankend ab. Er erzählt uns, daß er
selbst auch nicht raucht, und will uns aber trotzdem seine Hütte
einladen und uns seine Arbeit zeigen. Wir folgen ihm zu seiner kleinen
Unterkunft.
Und wenn ich klein sage, dann meine ich in diesem Fall wirklich
klein - so klein, daß auf dem verbleibenden Boden gerade noch 3
Menschen nebeneinander stehen können. Insgesamt ist der einzige
Raum 2x4 m groß ... ein Doppelbett, ein Gaskocher, ein paar Regale
und auch ein Fernseher. Wir trinken Minztee. Wie die meisten hier
im Norden Marokkos spricht er fließend Spanisch. Weiters noch
etwas Französisch und Englisch. Er versucht seinen Wortschatz
laufend zu erweitern. Jetzt ist eine ruhige Zeit, was das
Geschäft mit Touristen anbelangt. Im Sommer schenkt er vor seiner
Hütte Tee aus. Seine ruhige und bedächtige Art hat uns seiner
Einladung folgen lassen. Schließlich zeigt er uns noch, wie er
aus den getrockneten Hanfpflanzen Kif produziert.

Nathalie
"checkt" das Haschisch. Der Hanfbauer
bereitet die Verarbeitung vor
Über eine
Plasitkschüssel wird ein Stoff gespannt, darauf das getrocknete
Pflanzenmaterial gelegt und mit einer Plasitikfolie abgedeckt.
Dann "trommelt" er mit 2 Holzstäben darauf.

... und ich spiele "Kif
- Schlagzeug"
Durch das
Stoffsieb dringen Bestandteile der Pflanzen in die Schüssel.
Dieser braune "Staub" wird gepresst - fertig. All die
umliegenden Hügel sind voll mit Hanffeldern. Von der Regierung
wird der Anbau geduldet. Solange noch keine andere Art des
Verdienens des Lebensunterhalts für die hier lebenden Menschen
besteht, wird das noch eine Weile so weiter gehen. (Touristen
werden aber andererseits an Polizeikontrollen aufgehalten und
kontrolliert !)

Der Weg zurück nach
Chefchaouen
Am Abend werde ich bei einem Sandwich (mein
erster Essensversuch - konnte kein Diätessen finden ;-) von
hinten angetupft. "Do you want Haschisch ?" Als ich mich
umdrehe, sehe ich ein mir bekanntes Gesicht. Gilles, ein Belgier, und seine
deutsche Freundin Uta, sind schon seit gestern in Chefchaouen. Wir haben
sie in Tanger in unserem Hotel kennengelernt und uns auf
Anhieb gut verstanden. Sie sind mit dem Rad von Belgien über
Frankreich nach Spanien gefahren, und abschließend in Marokko gelandet. Wir
verabreden uns zum Abendessen. Die dichte an Radnomaden ist hier
momentan wirklich ausgesprochen hoch. Denn noch ein Biker wohnt in
ihrem Hotel. Ein Schwede, "Sandstorm", ist gerade aus Mali
eingetroffen - am Weg zurück in seine Heimat. Leider hat er in
der Früh den Ort schon wieder verlassen. Witziges Detail am
Rande: Um mir Informationen über den früher in Erwägung
gezogenen Weg durch die Westsahara zu holen, habe ich (noch von
Wien aus) in einem Sahara - Internetforum eine Anfrage gestellt.
Und Antwort von einem schwedischen Wüstenradler erhalten. Ich
weiß natürlich nicht, wie viele skandinavische
"Sandliebhaber auf 2 Rädern" es gibt, aber ich habe den
Verdacht, daß wir fast diesem Bikekollegen begegnet wären.

Blick von der Kasbah
Am nächsten Tag geht es mir wieder schlecht.
Entweder schon wieder, oder noch immer. Ich kann Eßbares nicht
einmal riechen und trinke auch kaum etwas. Ich fühle mich
schwach. So werden wir noch einen Tag bleiben müssen. Jetzt habe
ich dann tagelang kaum was gegessen. Das sind so ziemlich die
schlechtesten Bedingungen für die Weiterfahrt bei der Hitze und
den nötigen langen Distanzen. Kurzfristig macht sich bei mir so
eine Art Lagerkoller breit. Immer nur herumliegen, beim Gehen
müde sein... nicht weiter können.... ärgerlich !!
Nathalie hat seit ein paar Tagen Schmerzen beim
Schlucken. So kurieren wir (unserer Ansicht nach viiiel zu
langsam) unsere Wehwechen aus.
Immerhin lacht uns die Sonne an.
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